Ängste gezielt bekämpfen | NZZ

Auslöschen mit Gentechnik

Heute geht man davon aus, dass jede Erinnerung durch mehrere miteinander verbundene Nervenzellen im Gehirn gespeichert wird. Dabei aktivieren unwichtige Informationen, wie zum Beispiel der Inhalt des Frühstücks, nur wenige Nervenzellen und hinterlassen eine dementsprechend schmale «Gedächtnisspur». Stark prägende Erinnerungen, wie traumatische Erlebnisse, verursachen eine weitaus breitere Gedächtnisspur, eine Art Nervenautobahn, die einfacher zu finden ist. Selbst Jahre später können neue Ereignisse diese Nervenspur aktivieren und die Erinnerung wachrufen. Will man dies vermeiden, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder man zerstört die Spur, oder man verändert ihren Verlauf, so dass das Ziel nicht mehr die Angst ist.

Wie eine Gedächtnisspur erfolgreich zerstört wird, zeigen zwei in den letzten beiden Jahren in der renommierten Wissenschaftszeitschrift «Science» erschienene Studien von Sheena Josselyn von der University of Toronto in Kanada. In der ersten Arbeit wurden verschiedene gentechnisch veränderte Mäuse darauf trainiert, ein bestimmtes Ereignis zu fürchten, sie wurden auf Angst konditioniert. Die Mäuse bekamen dazu mehrmals einen milden Stromschlag an die Pfoten, während gleichzeitig ein Tonsignal erklang. Spielte man in der Folge den Ton ab, liess sich anhand der Angstreaktion der Tiere messen, wie gut die Assoziation Ton – Schock gelernt wurde. Es zeigte sich, dass das Angstgedächtnis bei denjenigen Mäusen am besten war, die in etwa zwanzig Prozent der Nervenzellen der Amygdala – einer für das Abspeichern von emotionalen Erinnerungen zuständigen Hirnregion – vermehrt das Protein Creb aufwiesen. Dieses Enzym steuert die Aktivität von Genen, die für das Gedächtnis wichtig sind.

In der zweiten Studie machten sich die Forscher dann daran, diese in den vermehrt Creb-haltigen Nervenzellen gespeicherte Gedächtnisspur auszulöschen. Dazu zerstörten sie mittels einer ausgeklügelten gentechnischen Strategie ganz gezielt diesen Zelltyp in der Amygdala. Tatsächlich zeigte sich, dass das Angstgedächtnis der so veränderten Tiere verschwunden war, während das von anderen Hirnregionen gespeicherte räumliche Erinnerungsvermögen intakt blieb. Angsterinnerungen werden demnach in Creb-haltigen Neuronen gespeichert, und es genügte im Prinzip, diese zu zerstören, um die Erinnerungen permanent auszulöschen.

Doch auch wenn diese Arbeiten wichtige Erkenntnisse über das Speichern von Erinnerungen liefern, kann man solche Methoden nicht beim Menschen anwenden. Anstatt angstvolle Erinnerungen zu zerstören, versucht man deshalb, diese von ihrer negativen Konnotation zu befreien. Dabei macht man sich ein Phänomen der Gedächtnisbildung zunutze, das jedes Mal auftritt, wenn eine Erinnerung abgerufen wird. In dieser Phase, der sogenannten Rekonsolidierung, sind Erinnerungen störanfällig und modifizierbar; sie können durch die zum Zeitpunkt des Sicherinnerns gegebenen Umstände, wie die eigene Stimmung, beeinflusst werden. Dies ermöglicht dem Gehirn, neue Erkenntnisse zu bereits Gelerntem hinzuzufügen und die Erinnerungsspur zu aktualisieren. Und genau diese Eigenschaft nutzt man auch bei der Expositionstherapie, einer der gängigsten Formen der Verhaltenstherapie bei Angststörungen. Dabei wird eine Person reell oder virtuell wiederholt dem Angstauslöser ausgesetzt. Da eine solche Konfrontation aber nunmehr in einer kontrollierten Umgebung in Begleitung eines Therapeuten stattfindet, kann das Erlebte neu eingeordnet und als zunehmend sicher empfunden werden.

Verhinderter Signaltransport

Doch obwohl weitläufig angewendet, können Rückfälle laut dem renommierten Angstforscher Joe LeDoux von der New York University nicht ausgeschlossen werden. Um diese zu verhindern, versuchen Forscher, die Behandlung mit Medikamenten zu unterstützen. Eine der experimentell verwendeten Arzneien ist Propranolol, das zur Klasse der Betablocker gehört. Diese heften sich im Gehirn an die Rezeptoren für Adrenalin – einen Botenstoff, der bei Lernprozessen von Bedeutung ist – und verhindern dadurch die Signalübertragung. In einer im März dieses Jahres in der Fachzeitschrift «Nature Neuroscience» veröffentlichten Studie gelang es einer Forschergruppe um Merel Kindt von der Amsterdamer Universität nun erstmals, mittels einer solchen kombinierten Therapie ein menschliches Angstgedächtnis rückgängig zu machen.

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